Anderthalb Jahre später …

Alea iacta est – die Würfel sind gefallen.1 Mehr als eineinhalb Jahre nachdem ein antifaschistischer Aktivist von einem neofaschistischen Rollkommando zusammengeschlagen wurde, fand nun endlich der Prozess statt. Nachdem die drei Angeklagten, zusammen mit ihrem Anwälten, den Prozessverlauf mehrmals verzögerten und sogar nach den Plädoyers einen zusätzlichen Beweisantrag einbrachten, wurde nun endlich das Urteil gesprochen:
Safet Babic, seines Zeichens Student und Stadtratsmitglied für die NPD, wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu 7 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt und zu Schmerzensgeld in Höhe von 400 Euro; Karl H., Mitglied der CDU und der Jungen Union und Studienkollege Babics, wurde wegen gefährlicher Körperverletzung im minderschweren Fall zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 10 Euro verurteilt; Martin A., wegen Körperverletzung bereits vorbestrafter Neonazi, NPD-Mitglied und (ehemaliger?) Fußball-Hooligan, wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Diesem Urteil gingen im Gerichtssaal einige Ereignisse voraus, von denen, in zusammengefasster Weise, wir einige behandeln wollen. In seiner Verteidigung berief sich Babic v.a. auf ein angebliches „Festnahmerecht“ nach §127 StPO2, um den offensichtlichen Angriff auf die drei antifaschistischen Aktivisten (von denen zwei fliehen konnten), den er und seine „Kameraden“ durchführten, zu rechtfertigen. Dieses Festnahmerecht lag aber nicht vor – darin waren sich auch Nebenklage, Staatsanwaltschaft und Strafkammer einig – da dieses nur dann vorliegt, wenn die Verdächtigen auf frischer Tat ertappt werden und nur auf der Flucht verfolgt werden. Tatsächlich war es aber so, dass die sogenannten „Plakateabreißer“ (wie Babic und die beiden andern Angeklagten, sowie die Verteidigung das Opfer und zwei Zeugen mehrmals diffamierten) erstens bereits vorher festgenommen wurden und zweitens nicht einmal aus der Richtung des angeblichen Tatorts kamen, sondern aus einer ganz anderen Richtung.
Damit hatte sich das Festnahmerecht als „Begründung“ für die Zusammenstellung eines 6-8-köpfigen Rollkommandos für die Strafkammer erledigt. Nicht aber für Babic, der tatsächlich in seinem (zweiten) Schlussplädoyer behauptet, es reiche, dass die Tat in der gleichen Stadt stattgefunden habe, um das Festnahmerecht nach §127 StPO wahrnehmen zu können – für die Strafkammer ist hierbei klar: Babic und H. müssen es als angehende (in Babics Fall zusätzlich: ehemals angehend) Juristen eigentlich besser wissen.
Die Strafkammer hat das Urteil v.a. auf Zeugenaussagen gestützt. So haben alle 3 angegriffenen Aktivisten sich in keinem Punkt widersprochen und auch nicht versucht, eine mögliche Falschaussage zu tätigen. So hat etwa der Geschädigte nicht versucht, Babic zu beschuldigen, selbst zugeschlagen zu haben, ebenso wenig wie die Zeugen W. und S.. Deshalb nahm das Gericht auch von vorneherein an, dass Babic und H. nicht selbst zugeschlagen haben.
Ausschlaggebend für die Verurteilung war vielmehr die Mittäterschaft nach §25 Absatz 2 StGB3. Dabei muss bei einer gemeinschaftlich geplanten und begangenen Tat ein einzelner Mittäter nicht unbedingt körperlich daran beteiligt haben; die Beteiligung an der Planung und an der Ausführung reicht aus. In diesem Fall ging das Gericht davon aus, dass Babic das Rollkommando zusammengerufen hat und somit als „Führer“ fungiert hat und der Angeklagte zumindest als (mitwissender) Chauffeur geholfen habe, die Nazis zu den angeblichen „Plakateabreißern“ zu bringen.
Martin A.s Freispruch beruht übrigens nicht auf der Überzeugung des Gerichts von seiner Unschuld: weiterhin gehen sowohl Gericht, wie auch Nebenklage und Staatsanwaltschaft davon aus, dass auch A. beteiligt war an der Planung der Tat – nichtsdestotrotz kann ihm dies nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, da davon ausgegangen werden kann, dass Babic und H. ihn bewusst decken, da A. mit einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung zu rechnen hätte. Deshalb in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten – auch in diesem Fall.

Einziger relevanter Erfolg der angeklagten Neonazis: sie schafften es, das Strafmaß massiv herunterzudrücken indem sie über mehrere Verhandlungstage systematisch versuchten, die Verletzungen des Geschädigten herunterzuspielen. Dieser Versuch der offenen Leugnung bestehender Verletzungen und Verhöhnung des Opfers (Zitat Babic, als er den am Boden liegenden Geschädigten beschrieb: „Er sah aus, als hätte er Herzprobleme.“) mündete im Drängen der Verteidigung auf einen „unabhängigen“ medizinischen Sachverständigen.
Als dieser „Sachverständige“ als Zeuge aussagte, geschah es prompt, dass er die medizinischen Befunde, insbesondere die Gehirnerschütterung, anzweifelte. Er argumentierte, einer Gehirnerschütterung gehe immer eine Bewusstlosigkeit voraus; deshalb handele es sich „nur“ um eine Schädelprellung. Dabei handelt es sich aber um eine offensichtliche Falschaussage: eine Bewusstlosigkeit kann, muss aber nicht auftreten.
Besonders da die „leichten“ Verletzungen als strafmildernd angesehen wurden, ist dieser falsche Befund als maßgeblich für die recht milde Strafe anzusehen.
Die Staatsanwaltschaft hat wegen der Milde des Urteils Revision angekündigt, Babic und H. haben ebenfalls Revision angekündigt; allerdings weil sie Freispruch gefordert haben.

Ein kurzer Blick auf die Plädoyers der Angeklagten.

Ein Blick auf die Plädoyers der Angeklagten offenbart einiges, sowohl Kurioses, aber auch typisch Faschistisches, v.a. Doppelmoralitäten. Tatsächlich haben Angeklagte und Rechtsanwälte separate Plädoyers gehalten.
So hat Babic betont, er werde nicht handgreiflich, außer „beim Buffet und unter der Bettdecke“. Ein kleiner Einblick in die kulinarische und masturbatorische Welt des Safet B., perfekt geeignet für eine vernünftige Argumentationslinie vor Gericht. Ansonsten hörte man natürlich das übliche Täter-zu-Opfer-Schema: der Prozess sei politisch inszeniert gewesen um der NPD zu schaden und Babic aus dem Stadtrat zu kriegen. Untermalt wurde das Ganze mit dem lustigen Abschlusssatz: „Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen“ – der allerdings eine Notwehrformel darstellen soll. Und keine Rechtfertigung für das Verfolgen und Verletzen von Andersdenkenden und politischen Gegnern.
Der Angeklagte Karl H., ganz schick mit Hemd und Krawatte, klagte in erster Linie über die Behandlung seiner Person durch die Staatsgewalt und sein gesellschaftliches Umfeld: so habe ein Pfarrer, wie H. sagt, ein „Alt-68er“, ihn aus der Kirche verwiesen in der er arbeitete, da er nicht mit Rechtsradikalen verkehren wolle. Und zusätzlich sei H.s Wagen, ein älterer BMW, die anderthalb Jahre vom Tathergang bis heute eingezogen worden. Auch die angebliche „Stigmatisierung“ Babics mochte er nicht: man solle doch lieber mit ihm zusammenarbeiten und sich seine „Ideen“ anhören und im Endeffekt böten „wir alle“ Babic doch erst ein Forum. Die klischeehafte CDU/JU-Argumentation diesbezüglich …
Martin A. schlussendlich musste noch einmal über den Kampf gegen Rechts herziehen, bei dem sich angeblich allerlei Organisationen und Parteien, von „der“ Antifaschistischen Aktion4 bis hin zu CDU, Justiz, Polizei, Lehrern, Kirchen, Bartträgern, Ägyptologen u.v.m. , gegen die NPD verschworen haben sollen – und der ganze Prozess gegen die Neonazis eigentlich ja nur von den „Kämpfern gegen Rechts“ inszeniert wurde. Zusätzlich hat der für seine Gewalttätigkeit bekannte Martin A. den Geschädigten sowie die Zeugen W. und S. als „gewaltbereite Linksextremisten“ bezeichnet, obwohl keine der genannten Personen je im Zusammenhang mit Gewalttaten aufgefallen ist; im Gegensatz zu A. selbst.

Was für Schlussfolgerungen kann man aus dem Prozess und seinen Umständen ziehen?

1) Der Angeklagte Karl H. ist kein Einzelfall und Ausdruck der herrschenden Missstände in CDU und JU: zwar sickern die reaktionären Tendenzen innerhalb der Partei und ihrer Jugendorganisation nicht mehr bis in die Massenmedien durch – aber gerade in neoliberalen Parteien werden, über den Umweg des Sozialdarwinismus, anti-egalitäre, reaktionäre und faschistoide Tendenzen gefördert. Dies äußert sich etwa in Initiativen wie „Linksruck stoppen“; hier kritisiert der rechte Flügel der CDU die neoliberale und strukturell rassistische Politik der schwarz-gelben Regierung als zu „links“, zu „progressiv“. Wahrscheinlich sehnt sich dieser Flügel nach einer Rückkehr zum Adenauerregime, das noch autoritärer mit antikommunistischen Partei- und Vereinsverboten gegen die Opposition vorging.

2) Der antifaschistische Widerstand muss endgültig auch in den Stadtrat getragen werden: Safet Babic könnte, sobald das Urteil rechtskräftig ist, in einem Ausschlussverfahren seinen Sitz im Stadtrat verlieren – und wenn ein unbekannter, rhetorisch und propagandistisch wahrscheinlich recht unbegabter Altnazi nachrückt, so würde das Babic auch sicherlich nicht seine gewünschte „Märtyrerrolle“ bescheren, sondern eher aufzeigen, wie stark die Trierer NPD von ihrem „Führer“ abhängt.
Zusätzlich müssen bis dahin aber die Stadtratsfraktionen, die sich zu einer Zusammenarbeit mit antifaschistischen Kräften bereit erklärt haben (SPD, Grüne, Linkspartei und zumindest teilweise auch FWG), einen stärkeren Willen zeigen, sich Babic und seiner Selbstdarstellerei entgegenzustellen. Auch Oberbürgermeister Klaus Jensen, der bisher den rassistischen, sexistischen und homophoben Provokationen im Stadtrat die von Babic ausgingen, enttäuschend wenig entgegenzusetzen hatte, trotz einer Rede, die er bei einer Veranstaltung des Bündnisses gegen Rechts im Namen seiner Stiftung hielt, muss sich endlich trauen, offensiv zu reagieren, wenn ein Ratsmitglied (in diesem Fall Babic) offen die Reichsflagge schwenkt oder unsägliche unterschwellige Drohungen und Verhöhnungen gegen antifaschistische Aktivisten ausspricht.

Urteilsverkündung in anderen Medien:

- Trierischer Volksfreund

- 16vor

- SWR (mit Videoclip)

- NPD-Blog.info

- Autonome Antifa Trier

  1. Auch wenn „alea iacta est“ eigentlich im Singular steht, so können damit auch „die Würfel“ gemeint sein, so wie es allgemein in diesem übersetzten Sprichwort geschieht. [zurück]
  2. (1) Wird jemand auf frischer Tat betroffen oder verfolgt, so ist, wenn er der Flucht verdächtig ist oder seine Identität nicht sofort festgestellt werden kann, jedermann befugt, ihn auch ohne richterliche Anordnung vorläufig festzunehmen. Die Feststellung der Identität einer Person durch die Staatsanwaltschaft oder die Beamten des Polizeidienstes bestimmt sich nach § 163b Abs. 1.
    Weitere Informationen. [zurück]
  3. (2) Begehen mehrere die Straftat gemeinschaftlich, so wird jeder als Täter bestraft (Mittäter).
    Weitere Informationen. [zurück]
  4. Wie jeder weiß: es gibt nicht „die“ Antifa – es gibt viele antifaschistische Initiativen mit unterschiedlichen Herangehensweisen an antifaschistische Politik. Hier zeigt sich das falsche Verständnis der Neonazis vom Konzept „Antifa“. [zurück]

Mal was Lustiges

Nach allzu langer Pause (ja, der letzte Beitrag stammt noch aus dem September) meldet sich der Rote Oktober zurück und bietet euch mal ein paar lustige Funde.

Das erste Video ist noch tatsächlich satirisch:


Die weiterhin folgenden Videos sind zwar nicht satirisch, aber dennoch an Lächerlichkeit nur schwer zu überbieten. Ihr seid natürlich eingeladen, weitere lustig-peinliche Clips zum gemeinsamen Fremdschämen im Kommentarbereich zu posten:



11. September

Anlässlich des 37. Jahrestags des faschistischen Putsches in Chile gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 eine Rede desselben aus dem Jahre 1972:


Interview mit Holger Burner

Holger Burner ist ein in Hamburg lebender politischer Rapper, der in antifaschistischen und linken Zusammenhängen, besonders der SAV (Sozialistische Alternative), aktiv ist. Er versteht es, politische Inhalte in einer verständlichen Sprache mit einem entsprechenden Flow auf den Beat zu bringen.
Roter Oktober hatte die Gelegenheit, mit dem MC ein kurzes Interview zu führen:

Roter Oktober: HipHop ist ja heutzutage eine Subkultur, die sich sehr stark von ihren sozialkritischen Wurzeln entfremdet hat – wie kamst du zum HipHop und was treibt dich an bei deiner Musik?

Holger Burner: Erstmal ist Hip Hop glaub ich eine Kultur, die auch Leute betreiben können, die kein Geld für Instrumente oder einen Proberaum haben (also Leute wie ich) und die sich zum beispiel über Graffiti auch einen Teil der (Privatbesitzten) Stadt aneignet, insofern denke ich schon, das es immer auch politisch was bedeutet, selbst wenn Rap inhaltlich auch teilweise Scheiße ist – aber mal ganz unabhängig davon, wie sich der Kapitalismus versucht, unsere Subkulturen anzueignen und zu einem Markt zu machen – es gibt im Hip Hop wie in den meisten Jugendsubkulturen subversive Teile, die nicht so easy zu befrieden sind. Davon bin ich ein teil, das treibt mich an.

RO: Hast du bestimmte „Vorbilder“ in der HipHop-Szene, die dich besonders beeinflusst haben?

HB: Es gibt viele Rapgruppen und auch viele Graffitimaler, die mich motivieren, weiterzumachen. „Vorbilder“ ist ein schlechter Begriff, aber Respekt geht raus an The Coup, Public Enemy , Perceptionists, Brother Ali , Immortal Technique, Evidence, Invincible, Eternia, Damion Davis, Amewu, Chefket… wenn man einmal mit so ner Aufzählung anfängt muss man eigentlich seitenweise weitermachen. Aus Hamburg müsst ihr Slowy Mosen und 4TMC checken, Seitensprung, Rapgalore-Crew, DJ Fine , Schlechta Umgang… Ach, viel zu viel gutes hier am Start, checkt’s selber aus…
Mit Graffiti fang ich jetzt erstmal nicht wirklich an, nur herausgehobene Props an meinen Main Man ANUSone.

RO: Leider musste man immer wieder ziemlich verleumderische Artikel über dich lesen – bei Indymedia und anderen „alternativen“ Medien. Dabei wurde dir (v.a. von sogenannten „Antideutschen“) vorgeworfen, Antisemit zu sein (wegen eines aus dem Zusammenhang gerissenen Zitats, dass du gegen Zionismus seist), aber auch Mackertum und „verkürzte/personalisierte Kapitalismuskritik“ wurden dir vorgeworfen. Vielleicht könntest du diese Vorwürfe ja mal kommentieren und gegebenenfalls berichtigen?

HB: Ach, eigentlich nicht, ich glaub‘, dass die Leute, die antideutschen Verleumdungen glauben, hoffentlich nicht deine Seite lesen und, wenn ja, pendel‘ ich irgendwo zwischen „fickt euch“ und „ihr seid lächerlich“. Wer sich für meine tatsächlichen Positionen zum Nahen Osten interessiert, wird fündig auf www.sozialismus.info und auf http://maavak.org.il/maavak/.
Aber an alle anderen: In der Zeit, in der ihr euch im Netz mit antideutschem Bullshit beschäftigt könntet ihr Aktionen planen oder Flugis schreiben, macht mehr Sinn, ich diskutier‘ ja auch nicht mit Westerwelle ;)

RO: Wie und wann kamst du zur Politik, bzw. zum politischen Aktivismus?

HB: Ich hab mich mit 13 antifaschistisch organisiert bei JRE, zu der Zeit als
Rostock, Mölln und Solingen stattgefunden haben und hab dann von da aus mit 15 zur nächsten Frage gefunden.

RO: Man liest ja auch, du seist in der SAV (Sozialistische Alternative) aktiv, einer kleinen, trotzkistischen Gruppe. Warum bist du speziell in der SAV aktiv und nicht in einer anderen x-beliebigen linken Gruppe?

HB: Naja, das könnte man jetzt jeden anderen wegen jeder anderen Gruppe fragen, aber kurz gesagt: ich halte die Praxis der SAV für sehr viel mehr darauf ausgelegt, eine Mehrheit der Menschen von der Notwendigkeit von Revolution zu überzeugen als die gängige „linksradikale“ Praxis, alle als „Bürger“ zu beschimpfen, die keinen schwarzen Kapuzenpulli tragen … Aber ich geh davon aus dass sich gute Praxis eh nicht durch Argumente auf Blogs durchsetzt sondern auf der Strasse und in den Betrieben und Schulen, insofern: bewertet die Arbeit der SAV lieber selbst in euren Orten …
Und: wenn ’ne andere Gruppe ’ne Praxis entwickelt, die die Revolution wahrscheinlicher macht, ist das gut, es geht ja nich darum, welche Gruppe recht hat, sondern das wir eine bessere Gesellschaft schaffen.

RO: Du hast angekündigt, im September ein neues Album zu veröffentlichen – was kannst du uns schon darüber sagen?

HB: Dass ich vor ’nem Jahr nicht gedacht hätte, dass ich das letzte Album meinem eigenen Anspruch nach toppen kann und gerade derbe zufrieden damit bin und die Tracks selber total feiere… Und dass ich hoffe dass das einigen von euch auch so gehen wird…

RO: Würdest du einen Vertrag bei einem größeren Plattenlabel unterschreiben, in der Hoffnung, deine sozialrevolutionären Inhalte einem größeren Publikum zugänglich machen zu können, wie einige es schon (mit unterschiedlichen Ergebnissen) versucht haben?

HB: Eigentlich diskutiere ich immer dagegen, so etwas zu machen, weil „unterschiedlich“ irgendwie nach 50/50 klingt … Ich kenne hunderte Beispiele von Gruppen, die dadurch inhaltlich korrumpiert, sozial angepasst oder subtil beeinflusst worden sind, und sei es nur das dir ein Label sagt „ist ja alles cool, aber der eine Track, der mehr so persönlich als politisch ist, der passt genau in die Schiene, wenn du sowas machst pushen wir’s“ … Ich denke, jeder
Schritt, den man selber aufbaut ist ein Schritt, den einem niemand mehr wegnehmen kann … und ich kenn vielleicht zwei Bands die das gemacht haben und halbwegs cool geblieben sind …
Insofern: ich glaube größere Verbreitung kämpferischer Musik hängt an der Verbreiterung vom Widerstand und nicht daran, ob dir ein Kapitalist temporär Öffentlichkeit zugesteht, die er dir jederzeit wieder entziehen kann.

RO: Sind in absehbarer Zeit Auftritte irgendwo in Rheinland-Pfalz oder im Saarland geplant?

HB: Ich hab‘ ehrlich gesagt nicht so ‚n ganz tollen Überblick über meine Termine, aber die sind immer recht aktuell auf www.myspace.com/holgerburner einzusehen … Kommt auch alle 1-2 Wochen immer wieder was dazu, insofern einfach ab und zu checken…

RO: Wie hast du dir das Rappen beigebracht? Hast du eventuell Tipps für junge Revolutionäre, die gerne rappen würden?

HB: Einfach machen – der Kapitalismus erzählt uns, dass wir nix können oder dass man sonstwie ein „Genie“ sein muss, um „Künstler“ zu sein – jeder Mensch hat kreatives Potential und Rappen ist ein Handwerk wie Fahrradfahren, das ham ja auch die meisten von uns gelernt.

Wir danken Holger Burner herzlich dafür, dass er sich für uns die Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten und schließen ab mit einer Kostprobe auf seine Mucke für alle die, die ihn noch nicht kennen:


Mehr Infos unter: http://www.myspace.com/holgerburner

Nicht vergessen: am Freitag Ladyfest!

Wer es nicht weiß oder vergessen hat: diesen Freitag, den 13. August, findet das Ladyfest Trier statt. Es werden verschiedene Vorträge, Workshops und Filme vorgeführt und am Ende des Fests (Samstags) wird es ein Konzert mit Sookee (Rapperin aus Berlin) und eins mit Räuberhöhle geben mit anschließender Party mit DJ Morelle.
Denen, die sich nichts unter dem Ladyfest vorstellen können, sei ein Blick in die Selbstdarstellung des Fests gegönnt:

Unter einem Ladyfest versteht mensch ein queerfeministisches Festival, das gefüllt ist mit Vorträgen, Workshops, Filmen, aber auch Partys und Konzerten. Und genau das machen wir auch! Die Wurzeln von Ladyfesten liegen in der Riot-Grrrl-Bewegung der 1990er Jahre. Im Jahr 2000 fand das erste Ladyfest in Olympia, USA, seitdem folgten weitere in den USA, Europa, Australien und auch Asien. Und ja, jetzt auch (wieder) in Trier! Das Ladyfest Trier findet vom 13.-15. August in der Tuchfabrik statt, ein ganzes Wochenende. Das Programm ist gefüllt mit vielen Highlights, so hält Laura Méritt 2 Vorträge, Mithu Sanyal erzählt von der Kulturgeschichte der Vulva und Räuberhöhle gibt ein Konzert, aber mehr beim Programm.

Kommen darf jede und jeder. Unser Festival kennt keine Geschlechtergrenzen, getreu dem Motto For Ladies, Gentlemen and everyone in between (oder auch außerhalb).

Wir möchten einen antisexistischen Raum bieten, in dem natürlich auch Homophobie, Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung jeglicher Art (wie z.B. Lookism1) keinen Platz haben.

Wer also kommen kann, sollte sich dies nicht entgehen lassen und zumindest zeitweise auftauchen: niemand muss alle Veranstaltungen besuchen – man kann sich auch nur die aussuchen, die einem besonders reizvoll und interessant erscheinen.

  1. Unter „Lookism“ versteht man die Diskriminierung von Menschen aufgrund des Aussehens. [zurück]

JuLis – potenzielle Gewalttäter?

Nachdem sich anwesende Universitäts- und Jungliberale in der (vorletzten) Vollversammlung der Studierendenschaft viele Freunde machten, indem sie forderten, die Vollversammlung solle sich von jeglicher „Gewalt gegen Personen und gegen Sachen“ distanzieren, wird heute Schockierendes aufgedeckt: die Jungliberalen Triers halten es selbst nicht so genau mit der körperlichen Unversehrtheit von Gegenständen!
Nun haben übereifrige Jungliberale – bereits vor einiger Zeit, wie sich herausstellt – unschuldige Laternenpfosten angegriffen, indem sie ihnen Aufkleber aufgezwungen haben mit der Forderung „Raus aus der Provinz“. Die sonst so überaus pazifistischen JuLis haben hier definitiv die Grenze zur Körperverletzung und zur Nötigung gegen Gegenstände überschritten – diese Untat darf nicht ungesühnt bleiben!
Bei Hinweisen über den Verbleib der JuLi-Terroristen, bitte einfach die Kommentarspalte nutzen.

Hier das Beweisfoto, das uns zugespielt wurde:

„Wir fordern die Jungliberalen auf, sich sofort von solchen Schandtaten zu distanzieren und künftig solche Sauereien sein zu lassen!“, fordert Daniel A. Terne, Vorsitzender des Verbandes der Opfer willkürlicher Kleberei, „Sie müssen mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft werden.“
Sachbeschädigung kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 2 Jahren oder Geldstrafe bestraft werden.

Aktionsbündnis gegen Homophobie meldet sich zu Wort

In Trier hat sich vor einiger Zeit ein Aktionsbündnis gegen Homophobie gegründet, das es sich zum Ziel macht, „homophoben Tendenzen [entgegenzuwirken], psychischer wie auch physischer Gewalt gegen Schwule, Lesben und Bisexuelle präventiv [zu] begegnen und dazu [beizutragen], Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden abzubauen.“
V.a. angesichts der homophoben Hetze durch die NPD Trier in der neuen Ausgabe ihres Propagandablatts „Pro Trier“ ein durchaus dringendes Thema; aber auch die Tatsache, dass etwa „Schwuchtel“ auf den Schulhöfen eines der beliebtesten Schimpfwörter darstellt zeugt von der Notwendigkeit der Aufklärung über homophobe Tendenzen in der gesamten Gesellschaft. Solche Tendenzen werden oft konsequent geleugnet, wie zuletzt im Stadtrat durch die CDU-Fraktion, die Homophobie eher als „Randphänomen“ sieht. Da spricht allerdings die Häufigkeit homophober Gewalt eine deutlich andere Sprache …

Dieses Aktionsbündnis hat nun, mithilfe einiger Trierer antihomophober Aktivistinnen und Aktivisten, zwei Filmclips drehen lassen, die auf Vorurteile und Stereotype aufmerksam machen sollen, denen Homosexuelle tagtäglich ausgesetzt sind und diese mit einer guten Portion Satire behandeln.
Durchaus sehenswert:

Lesbians glow in the dark:


Gays are magnetic:


Video der Woche 29/2010

I read some Marx (and I liked it).


Video der Woche 27/2010

Passend zur WM das einzig wirklich gute WM-Lied:

K.I.Z. – Biergarten Eden.

Bitte aufmerksam zuhören.


Judith Butlers Intervention beim Christopher Street Day

Am diesjährigen Christopher Streed Day (CSD) in Berlin sollte Judith Butler, einer feministischen und LGBT-Aktivistin1, der Preis für Zivilcourage – ausgerechnet von Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) – verliehen werden. Sie aber lehnt ab, mit der Begründung, dass die Organisatoren es versäumt hätten, rassistische Tendenzen auch innerhalb der LGBT-Bewegung aufzugreifen und zu kritisieren.
Dabei würden v.a. Homosexuelle und Transgender mit Migrationshintergrund auch innerhalb der Bewegung allzu oft ausgegrenzt und Migranten oft pauschal als homophob abgestempelt. Dabei müssten der Kampf gegen Rassismus und Nationalismus und der Kampf für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft Hand in Hand gehen. Am Ende widmet sie sich LGBT-Organisationen für Migranten, denen sie die wahre Zivilcourage bescheinigt im Umgang mit Homophobie und Rassismus.
Die Veranstalter, so merkt man auch im Video, sind sichtlich verblüfft von ihren Aussagen und weisen die Vorwürfe einfach von sich anstatt darauf weiter einzugehen.


Beitrag dazu auf Kulturzeit (3Sat):


Rechtspopulismus und LGBT-Rechte

Tatsächlich verweist Judith Butler zurecht darauf, dass oft Homosexuelle und Transgender Migranten gegenübergestellt werden, als seien etwa Homosexualität und Migrationshintergrund (speziell wenn dieser muslimisch geprägt ist) unvereinbar. Dies ist v.a. beim modernen europäischen Rechtspopulismus ersichtlich, der seinen Rassismus und Nationalismus oft mit vorgeblicher Sorge um Homosexuelle, Transgender und Frauen begründet.
Im Unterschied zu klassisch faschistischen Parteien wie der NPD etwa wird die Familie zwar in den Vordergrund ihrer politischen Forderungen gerückt; jedoch wird das Familienbild nur unzureichend charakterisiert, um mit einem „traditionellen“ Familienbild (Mutter, Vater, viele Kinder) nicht potenzielle Sympathisanten aus der LGBT-Gemeinschaft zu vergraulen. Dabei wird das Recht der LGBT-Gemeinschaft, sich auszudrücken, als angeblich „gegeben“ dargestellt, die reale Unterdrückung geleugnet und die bisher erkämpften Rechte als ausschließlich „westlich“ hochstilisiert.
Als Beispiel kann man die fanatisch pro-westliche, rechtspopulistische Webseite „PI News“2 anführen. Dort findet man Dutzende Beiträge zu angeblich „migrantischer“ Gewalt gegen Homosexuelle.
Tatsächlich aber sind Migranten nicht gewalttätiger Homosexuellen gegenüber als andere Gruppen in der Gesellschaft. Anstatt dass also Homo- und Transphobie in der Mitte der Gesellschaft kritisiert werden, werden sie als Phänomene einiger „Randelemente“, namentlich der universalschuldigen Migranten, charakterisiert.
Dass mit solchen Elementen auch in Sachen LGBT-Rechte nicht zusammengearbeitet werden kann, sollte klar sein. Es ist nicht nur eine verkürzte Kritik und eine gefährliche Verschiebung von Tatsachen, sondern hetzt einzelne Bevölkerungsgruppen gegeneinander auf, anstatt sie zum gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung und Entrechtung zu bewegen.

Von daher: Respekt für Judith Butler für ihre Intervention!

Weiterführende Links:

http://nohomonationalism.blogspot.com/2010/06/judith-butler-lehnt-berlin-csd.html
http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/judith-butler-drueckt-auf-die-spassbremse/

  1. LGBT: Kurzform für „Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender“. Bezeichnet die gesamtheit der Homo-, Bisexuellen und Transgenderbewegung. [zurück]
  2. PI: Kurzform für „Politically Incorrect“. Mit diesem nicht näher definierten Kampfbegriff wollen die Macher ausdrücken, dass sie angebliche „unbequeme Wahrheiten“ offenlegen. De facto meint es aber, dass sie die ideale Gesellschaft als christlich, marktwirtschaftlich und monokulturell betrachten und offene Ausländerfeindlichkeit pflegen. [zurück]


Referer der letzten 24 Stunden:
  1. google.com (4)



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